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Zitat des Trages

Die Schönheiten meiner Waldheimat waren damals noch nicht allgemein bekannt. Nur vereinzelt kamen Wanderer von Lüdenscheid und erbaten sich mitunter etwas Brot mit einem Glas Milch. Stets wurde ihnen auch Butter mit Wurst oder Schinken vorgesetzt und eine Vergütung dafür abgelehnt. Die Lebensweise in meiner Heimat war in meiner Kindheit sehr einfach: Des Morgens gab es meistens frische, in dünne Scheiben geschnittene Bratkartoffeln oder einen in der Pfanne mit Fett angerührten Mehlbrei, dazu Kaffee von Zichorien mit grobem Vollkornbrot, Quark oder Sirup, des Mittags Gemüse mit Kartoffeln durcheinander gekocht, zweimal in der Woche Pökelfleisch, am Sonntag, wenn möglich, frisch Geschlachtetes vom Kalb oder Geflügel. Die Mutter liebte es, die besten Stücke dem Dienstpersonal zu geben, weil dieses arbeiten musste. Wir Kinder erhielten meistens die sehnigen, schlechteren Stücke, die ich in der Regel nicht essen mochte. Auf diesen Umstand führe ich es zurück, dass für mich der Fleischgenuss niemals ein Bedürfnis war. Des Abends gab es meistens eine Milchsuppe mit Reis, Hafermehl oder Grütze mit Brot. Zwischen den drei Hauptmahlzeiten erhielt das Gesinde ein Frühstück: Eine große Scheibe Brot mit Butter und frischem Käse, des Nachmittags eine Tasse Kaffee mit Brot und Butter, evtl. mit weißem Käse oder Sirup. Im Herbst wurden Weißkohl, Grünkohl, Stilmus (die Stängel einer Rübenart) in großen Fässern für den Winter eingemahlen. Im Frühling mussten wir Kinder Brennnesseln, Melde und Geißblatt suchen, woraus Gemüse mit Kartoffeln gekocht wurde. Wir alle, Kinder und das Gesinde, waren stets über dieses frische Gemüse entzückt. Da wir 12 Kinder, 3 Mägde und 3 Knechte waren und an manchen Tagen noch Handwerker oder andere Hilfsarbeiter mitaßen, waren durchweg 20, oft 25 Personen und mehr, zu Tisch. Am Kopfende der Tafel saß der erste Knecht, am entgegengesetzten Ende die Mutter. In der Regel wurde beim Essen wenig gesprochen. Wir Kinder hatten unter allen Umständen bei allen Unterhaltungen zu schweigen und uns in die Gespräche nicht einzumischen. Aber selbst aus einzelnen Worten oder Andeutungen verstanden wir meistens mehr, als unsere Eltern ahnten. Das Gesinde durften wir niemals als Untergebene behandeln oder uns von diesen bedienen lassen. Selbst dann, wenn wir zur Ausführung eines Auftrages nicht in der Lage waren, wollte die Mutter erst ihre Genehmigung geben. Es durften in unserer Gegenwart auch keine abfälligen Bemerkungen über andere Personen und über die Religion gemacht werden, weil sehr oft Knechte und Mägde katholisch waren und Kinder durch die Weitergabe solcher Bemerkungen leider Unfrieden stifteten. Dadurch war das Verhältnis zu allen Mitbewohnern und Nachbarn ein freundschaftliches und eine Selbstverständlichkeit, dass man sich in einer schwierigen Lage gegenseitig beistand. Als das Haus eines Nachbarn abbrannte, leisteten alle ohne Entgeld durch Führen und Arbeiten Beistand. Dieses freundschaftliche Verhältnis kam im Herbst beim Kartoffelroden zum Ausdruck. Es wurden stets große Flächen mit Kartoffeln bebaut und dann kamen auch die Kinder aus der ferneren Nachbarschaft, wohl 20-30. Jeder erhielt eine Tasche Obst, und des Abends gab es Milch, Brot mit Butter und Reibekuchen. So wurde trotz der Mühsal beim Roden das Kartoffelessen auf Othmaringhausen für die Kinder zu einem Freudenfest.

Auszug aus "Aus meinem Leben" von Carl Benscheidt sen.

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